Backspin Interview Juni 2009

BACKSPIN INTERVIEW MIT ABSZTRAKKT
Dieses, mit Bianca Ludewig geführte, Interview sollte eigentlich in der letzten Backspin abgedruckt werden, aber wie das nun mal so ist mit dem Absztrakkt klappt das nicht immer so ganz – Egal, nun könnt ihr es hier lesen.

ABSZTRAKKT – Mögen alle Wesen Glück erfahren

“Der Kampf geht weiter – privat und gesellschaftlich”, lautet eine der gut gemeinten Drohungen des Rappers aus Lüdenscheid von dem 58 X-Men Klan. 2001 war dieser erstmals durch seine Maxi “Unscheinba aber da” bei dem Label PDNTDR in Erscheinung getreten, wodurch Roey Marquis auf ihn aufmerksam wurde. Es folgten einige Tracks auf Roey Marquis Produktionen und 2005 sein von Roey Marquis produziertes Debutalbum “Dein Zeichen”. Seitdem war er nicht untätig und hat im Untergrund seine Schwerter geschärft. Er war nie weg aber auch noch nicht richtig da. Das wird sich hoffentlich mit dem “Buch der drei Ringe” ändern.

Wie bist du aufgewachsen? Wie war dein Umfeld, was hat dich beeinflusst oder besonders geprägt?

Ich bin in Österreich nahe der italienischen Grenze geboren und kam mit zwei Jahren ins Sauerland nach Herscheid. Dort wuchs ich auf und ging in Lüdenscheid zur Schule. Herscheid ist halt ein Dorf, doch das hatte raptechnisch auf jeden erstmal Vorteile. Es hat bestimmt an die drei Jahre gedauert, bis ich einen anderen traf der auch selber rappte. Und da keiner da war, entwickelte ich meinen Style quasi echt aus mir selbst heraus, was wohl auch der Grund dafür ist das sich Absztrakkt so eigen und außergewöhnlich anhört. Dieses “für sich bleiben” hat mich wohl besonders geprägt.

Wie und wann wurde Rap wichtig – was hat dich dazu gebracht damit anzufangen und vor allem: weshalb bist du dabei geblieben? Heute ist Deutscher Rap ja die Musik mit dem schlechtesten Image, die (angeblich) niemand hört… Hörst du selbst deutschen Rap?

Also bei mir hat das angefangen mit Public Enemy und Ice T. Die ersten deutschen Sachen die ich hörte waren Anarchist Academy, Feinkost Paranoia, STF und Torch. Das hat mich damals einfach angesprochen. Das war etwas, womit ich was anfangen konnte. Von den Beats her und von der textlichen Seite. Ich wusste, wenn ich lerne mit Sprache umzugehen, kann ich in diesem Rapbereich alles machen was ich will – sei es mich frei kriegen, andere Leute auf eine gewisse Art und Weise zu bilden oder sonst was. Ich höre privat auch immer noch hauptsächlich Rap bzw. Rapbeats, wobei es aber leider immer weniger Zeug gibt was mir was gibt. Ist halt auch meistens das Zeug aus meinem Umfeld. Es muss einfach was rüberkommen. Ich mag auch Mucke von so Gruppen wie Portishead.

Wie und wann hast du Roey Marquis kennengelernt? Weshalb seid ihr ein gutes Team (geworden)?

Der Calo hat damals die “Unscheinba aber da” Maxi gehört und sich dann bei Put da Needle to da Records beim Fast Forward meine Nummer besorgt. Das war vor acht Jahren glaub ich. Er rief mich dann an wegen einem Part auf der “Battle of the Words 1″. Das hat ihm dann wohl gut gefallen und ich bin nach Frankfurt gefahren, um bei ihm noch weitere Sachen zu recorden wie den “Formen” Track auf seinem “Samsara” Album oder “Menschenverstand”. Ich glaube ein Grund, warum das so gut mit uns funktioniert ist, dass wir eine ähnliche Auffassung vom Musik machen haben und weil das privat im großen und ganzen auch alles so in die selbe Richtung geht. Er ist ein lockerer Typ und in der Zusammenarbeit inspirierend und unkompliziert. Darüber hinaus ist er ja auch quasi ein Hero aus der Zeit meiner musikalischen Anfänge. Ich fand seine Beats schon immer geil und wollte auch früher schon immer drauf rappen.

Wer hat noch an deinem Album produziert? Hast du noch andere Leute mit denen du zusammen aufnimmst (Rapper, DJs, Produzenten) und wer ist dabei besonders erwähnenswert? Was hast du bisher veröffentlicht – Alben, Mixtapes, Features?

Als offizielle Veröffentlichungen, wo mein Name draufsteht gibts die “Unscheinba aber da” Maxi, das “Dein Zeichen!” Album und 2009 jetzt halt das neue Album “Das Buch der drei Ringe”. Dazu gibts die Möglichkeit für Leute die Absztrakkt extrem gut finden “Die Heiligen Rollen” zu ordern. Das sind meine gesammelten Werke von 1998 bis 2008 mit über 100 Tracks bzw über 6 Stunden Gesamtspielzeit. Ich war oft auf Samplern vertreten oder als Feature bei Leuten die ich mag, die aber nicht aus meinem direkten Umfeld sind wie Donato, Adi oder Dilemma. Am “Drei Ringe” Album haben noch Phantomas von den X-Men und ein paar Members aus der Psytology mitproduziert. Gory Gore, Ruler Why, Luzifa Raziel und DJ Eule mit dem ich ja auch diese 58Muzik Geschichte mache, die Plattform für unseren ganzen Stuff. Für mich persöhnlich jetzt besonders erwähnenswert sind dabei Ruffkidd, der Erfinder des X-Men Klans, der auch schon seit Jahren unter verschiedenen Namen hier im Underground die heftigsten Dinger vom Stapel läßt, genauso wie Defekt36 von den X-Men, mit dem ich am liebsten zusammen rappe oder Gory Gore von der Air Morden Klickk aus Bielefeld, der sowohl als Beatbauer, als auch als Rapper einfach nur übelst am rasen ist. Ohne andere dabei abwerten zu wollen ist das was wir hier machen für mich das qualitativ hochwertigste und facettenreichste was in Rapdeutschland schon seit mehreren Jahren passiert. 58 qualmt. Das sag ich auch jedem der es hören will. Außerdem könnt ihr unsere T-Shirts kaufen.

Was soll das ganze Gerede über Buddha, Ninja, Shaolin auf deiner CD – mal provokativ gesprochen? Machst du asiatischen Kampfsport oder hast du dir nur Metaphern geborgt? Wieso ist dir das so wichtig, was willst du damit sagen?

Das geht ab in meinem Kopf. Einmal mach ich selbst ähnliches und zum anderen leitet das in einen Bereich ein, der für jeden einen großen Schatz birgt. Es geht dabei ja nicht ums kämpfen. Ganz im Gegenteil. Generell der sportliche Aspekt der ganzen Geschichte gerät auch immer mehr in den Hintergrund je älter ich werde. Ich bin auch kein zwanghafter Anhänger irgendwelcher Ideologien oder Religionen doch ich denke, wenn man auf der Suche nach so etwas ist, das allgemein der buddhistische Bereich viel Freiheit für den Einzelnen bietet. Für mich ist es wichtig sich Nützliches anzueignen, egal woher es kommt, es sich einfach einzubauen und sein eigenes Ding daraus zu machen – wobei ich persöhnlich aber schon finde dass es nützlich ist eine Art festen Weg zu haben auf den man sich konzentrieren kann. Da muß halt jeder für sich sehen was zu ihm paßt und solange es dabei nicht darum geht andere zwanghaft bekehren zu müssen oder aufgrund anderer Anschauung Menschen zu diskriminieren, zu verfolgen oder gar töten zu müssen bin ich damit einverstanden. Es geht um das wahre Wesen der Wirklichkeit, das in Worten nicht auszudrücken ist und leider für die meisten Menschen zu nah ist, um es zu erkennen. Man könnte schon behaupten ich sei praktizierender Buddhist, auch wenn ich das oft absichtlich verneine, denn die Arten der Meditationen, andere feste Formen und die ganzen Redewendungen sind für mich im Grunde genommen auch nur Fingerzeige um die Leute zum Tor der Befreiung hinzuführen. Durchgehen muss jeder selbst und das ist immer unterschiedlich.

Du sagst es gibt Leute die aufgrund deiner Musik – zu dir verstärkt Kontakt suchen… was denkst du sehen diese Leute in dir oder was wollen sie finden?

Viele werden einen Teil von sich selbst in mir wieder erkennen. Oft glaube ich, viele unter ihnen sind froh, dass es jemanden gibt der in der Lage ist, das was sie denken in Worte zu fassen, um so gleichzeitig auch ihre Gedankenwelt mitzurepresenten. Manche sind wohl echt der Auffassung, ich könnte ihnen was beibringen und andere wollen sich wahrscheinlich einfach nur bedanken, weil sie wissen, dass ich die Last auch für sie noch mit trage. Ich werd aber auch von vielen als gesellschaftlicher Spinner gesehen und manche von meinen Hörern, da bin ich sicher, denken wie ich – nur können sie das im Reallife nicht umsetzen, weil sie Angst haben oder weil ihre Umstände das einfach nicht zulassen. Vielleicht wären sie ohne jemanden wie Absztrakkt in der Maschinerie gefangen und hätten längst vergessen, dass sie überhaupt existiert. Da ist noch viel mehr als das Augenscheinliche.

Warum bist du so wütend und emotional? Worauf zielen diese Gefühle? Ist deine Wut eher destruktiv oder konstruktiv?

Ja, manche haben mich drauf angesprochen, dass das Album ziemlich aggressiv sei. Ich selbst empfinde das Album gar nicht so aggressiv. In dem was andere aber als Wut bezeichnen befindet sich viel Emotion, viel Verletztheit und Trauer, aber keine blinde Zerstörung. Es ist, wenn man so will, eine positive Wut. Ich transformiere in der Musik negatives und wenn das raus ist fühl ich mich besser. Meine Musik soll aufbauen und nicht destruktiv sein – außer für destruktive Gedankengebilde.

Was ist für dich wichtig? Was hat für dich außerhalb von Musik Bedeutung?

Mögen alle Wesen Glück erfahren und die Ursachen von Glück. Mögen alle Wesen frei sein vom Leid und den Ursachen des Leides. Mögen sie leben frei ohne Anhaftung oder Abneigung und im Wissen um die Gleichheit von allem was lebt. Das könnte mal wichtig sein.


Autor: Bianca Ludewig/Backspin

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